Im Schulungs-und Gemeindezentrum «Wydibühl» versammelt sich heute die «Gemeinde für Christus» (früher: «Evangelischer Brüderverein»), wohl eine der grössten Freikirchen in der Schweiz. Sie wurzelt in der Berner Erweckungsbewegung des 19. Jh. und im Pietismus des späten 17. Jh., der sich zumindest anfangs als Reformationsbewegung der Kirche verstand. Einer der führenden Theologen des Pietismus war Samuel Lutz. Er wirkte ab 1738 bis zu seinem Tod (1750) als Pfarrer in Oberdiessbach und war eng mit dem damaligen Schlossherrn, Albrecht v. Wattenwyl befreundet.

Mit der Förderung der Schulen und des Lesens im Gefolge der Reformation wurde der Zugang zur Bibel auch für breite Kreise immer leichter. Das erlaubte von der offiziellen Lehre abweichende Auslegungen der Bibel. Die Täufer-Bewegung des 16. Jh. (K7) konnte von der Berner Regierung trotz schärfster Verfolgung nie ganz ausgerottet werden. Rund 150 Jahre später entstand mit dem Pietismus eine neue Frömmigkeitsbewegung, die den Staat und die Kirche beunruhigte. Obwohl sie den Staat nicht grundsätzlich in Frage stellte sondern vor allem eine weitere Reformation der Kirche anstrebte, stiess auch diese Bewegung auf Misstrauen. 1698-99 versuchte die Berner Regierung, den Pietismus in einem «Pietistenprozess» auszumerzen. Theologisch betonten die Pietisten die persönliche Frömmigkeit, eingeleitet durch die bewusste Entscheidung für eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus. Dieser persönliche Zugang führte zu einem erhöhten Engagement. Es zeigte sich in zusätzlichen Hausversammlungen neben dem kirchlichen Gottesdienst und dem Ernstnehmen biblischer Werte für das praktische Leben, kombiniert mit dem Einsatz für Bedürftige im In-und Ausland. Der Pietismus nahm zudem eine kritische Haltung gegenüber der aufkommenden Aufklärung mit ihrer Betonung der Vernunft ein (K9).

Samuel Lutz im Alter von 55 Jahren. Kupferstichporträt nach einer Zeichnung von Johann Rudolf Dälliker, gestochen von Johann Georg Seiler | Schweizerische Nationalbibliothek

Zu den führenden Theologen des Pietismus gehörte Pfarrer Samuel Lutz (Bild). Er wurde vom Schlossherrn Albrecht v. Wattenwyl 1738 nach Oberdiessbach berufen. Lutz vermittelte vor Ort zwischen verschiedenen, manchmal auch extremen pietistischen Bewegungen. Er versuchte, den Pietismus in die Landeskirche zu integrieren und förderte die Jugendarbeit. Oberdiessbach wurde zu einem Anziehungspunkt für Pietisten. Mit Nikolaus Ludwig Graf v. Zinzendorf predigte der führende Kopf des deutschen Pietismus in unserer Kirche. Lutz galt im 18. Jahrhundert als der am meisten gelesene Verfasser von «Erbauungsschriften». Zudem lud er die Menschen in der nahen und weiteren Umgebung in speziellen Veranstaltungen zum Glauben ein.

In einer zweiten Welle des Pietismus – der Berner Erweckung von 1830 – entstand u.a. die Evangelische Gesellschaft, die versuchte, als Erneuerungsbewegung in der Landeskirche zu bleiben. Verschiedene Berner Patrizier sympathisierten mit der Bewegung. Als Frucht dieser Zeit entstand auf Initiative von Eduard v. Wattenwyl die Neue Mädchenschule, das Evangelische Seminar Muristalden und das Freie Gymnasium. Sophie v. Wurstemberger gründete ein Krankenasyl und legte damit den Grundstein fürs Diakonissenhaus und Salem-Spital Bern. Zudem bildete sie Diakonissen aus, die später durch ihr Wirken das Oberdiessbacher Spital prägten.

Der junge Fritz Berger | Bild: Archiv EBV

In derselben Tradition stand Fritz Berger (1868-1950), der Pionier des Brüdervereins und der heutigen «Gemeinde für Christus». Als Wagner holte er seine Aufträge oft im Wirtshaus. 1899 erlebte Berger eine persönliche Erweckung und wurde frei von seinen Leidenschaften. Als Mitglied des «Blauen Kreuzes» nahm er in der Folge den Kampf gegen den Alkoholismus auf. Sein Hauptanliegen war jedoch, Menschen auf Jesus hinzuweisen. Weil er hier einen deutlichen Schwerpunkt setzte, kam es 1909 zur Gründung einer eigenständigen Gemeinde, die 1914 den Namen «Evangelischer Brüderverein» (EBV) erhielt. Dem EBV wurde zum Teil aufgrund von Äusserlichkeiten vorgeworfen, einen Hang zu Sonderlehren zu haben. Die Gemeindeleitung ist nach eigenen Angaben bemüht, im Wechsel der Zeit und durch Korrekturen, die Gemeinde auf einer gesunden biblischen Grundlage zu führen. 2009 erfolgte der Namenswechsel auf «Gemeinde für Christus». Er soll Bekenntnis und Ausrichtung sein und markiert eine neue Offenheit.

Diese Offenheit zeigt sich etwa im Verhältnis zur Evangelischen Allianz Oberdiessbach – oder bei der jährlichen Zusammenkunft «Christen treffen sich» am Bettagssamstag. Hier kommen neben Christen aus der reformierten Landeskirche auch Vertreter der Charismatischen Freikirche Anker (seit 1992), der Gemeinde für Christus und Mitglieder von andern Kirchen und Freikirchen zusammen.

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K8: Gemeindezentrum «Wydibühl», Pietismus – Landeskirchen und Freikirchen

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K8: Gemeindezentrum «Wydibühl», Pietismus – Landeskirchen und Freikirchen 46.823498, 7.618780 Wydibühlstrasse 22, 3671 Herbligen, Switzerland (Routenplaner)

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